1000 augen, ein gesicht. Die Umschläge der rororo-Taschenbücher von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr.. Katalog bestellen

Anleihen aus der Kunstgeschichte

Stefan Schmidt

Ernst Rowohlt will das Taschenbuch als vollwertiges Buch anbieten. Daher legt er Wert auf den individuellen Auftritt jedes einzelnen Titels.

Abb. 1 Vincent van Gogh: Bauer, sitzend, beim Korbflechten (Öl auf Leinwand, 1885)

Abb. 1 Vincent van Gogh: Bauer, sitzend, beim Korbflechten (Öl auf Leinwand, 1885)

Das Einbeziehen der vierten Umschlagseite in das integrativ verstandene Cover ist hierfür zentrales Mittel. Eine solche Ausweitung des Umschlags gibt Raum für die Gestaltung jedes einzelnen Bandes – verlangt aber umso mehr nach abwechslungsreichen und oftmals aufwendigen Lösungen.

Hierbei kommt den Künstlern Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. ihre umfassende kunsthistorische Ausbildung zugute. Ihre Titelillustrationen bestechen nicht nur durch den engen Bezug zu den Erzählungen; sie bieten dem Kenner der Kunstgeschichte ein besonderes Vergnügen, indem sie zur historischen Dekonstruktion der verwendeten Techniken und Stilmittel einladen. Man begibt sich auf einen wahren Streifzug durch die Kunstgeschichte, der zu Adaptionen des Stils einzelner Künstler oder sogar einzelner Werke führt sowie Anleihen aus verschiedenen Kunstepochen unter Verwendung unterschiedlicher künstlerischer Grundtechniken erkennen lässt.

So entwerfen sie etwa Nachbildungen im Stile Chagalls oder greifen auf Vincent van Gogh zurück wie z. B. im Bd 75 (Abb. 1 u. 2.) Sein malerischer Gestus wird bei der Gestaltung von Vorder- und Rückseite eines Buchcovers adaptiert und weitergeführt.

Nicht nur einzelne Maler stehen im Fokus ihrer Betrachtungen – das Paar arbeitet in der Manier ganzer Kunststile und übernimmt dabei die ursprünglichen Techniken; ihr Blick geht über den Horizont europäischer Kunst hinaus und gleitet - oftmals thematisch bedingt - in die Welt z.B. in die asiatische Kunst zum japanischen Holzschnitt (Abb. 3). Auch darin folgen Sie van Gogh: Sein Interesse an der japanischen Zeichnung und Grafik führte zur Adaption bestimmter Techniken und Bildaufbauten. Bei der Illustration von Jose Shercliffs Roman ‚Jane Avril vom Moulin Rouge‘ (Abb. 4 u. 5) wird das Plakat von Henri Toulouse-Lautrec aufgegriffen und naheliegend ergänzt. Diese sehr direkte Übernahme eines ganzen Bildes ist jedoch die Ausnahme.

 

Inspirierende Gegenüber
Das künstlerische Werk von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr.

Jan Schönfelder

Abb. 1 Malereien von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. im Nachlass, 2009

Abb. 1 Malereien von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. im Nachlass, 2009

Zwischen 1950 und 1961 haben Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. etwa 500 Umschläge für den Rowohlt Taschenbuch Verlag gestaltet. Die bekanntesten Arbeiten sind die Umschläge der beiden Illustratoren für die rororos, die in Millionen von Exemplaren gedruckt und vertrieben wurden. Die Handschrift des Künstlerehepaares ist unverkennbar. Darüberhinaus gibt es im Werk der beiden Künstler Grafiken für die Reihe ‚Rowohlts deutsche Enzyklopädie‘ und Rowohlts Klassiker, Illustrationen und Cover für andere Verlage sowie verschiedene Zeitschriften, die Herausgabe oder Schaffung von mehreren Büchern. Diese Auftragsarbeiten stehen neben frei entwickelten Grafiken und Bildern (Abb. 1). Die Übergänge beider Bereiche sind fließend; die eigenen künstlerischen Arbeiten und die Auftragsarbeiten stehen gleichberechtigt nebeneinander und wären ohne das jeweilige Pendant weder künstlerisch noch biografisch möglich gewesen.

Kennengelernt haben sich Gisela und Karl am Hamburger Theater während der Ausbildung des Juniors von 1938 bis 1940 zum Bühnenbildner bei seinem Vater. Die Kriegsjahre verbringen beide getrennt; Karl jr. von 1941 bis 1945 im Russlandfeldzug, Gisela als Kostümbildnerin in Königsberg, sie heiraten 1944.

Das Vorbild des Vaters

Schon vor der Arbeit für Rowohlt arbeiten beide zusammen auf der und für die Theaterbühne. Dort ist es das geschriebene Wort, das durch Kostüme und Schauspiel, Bühnenbild, Inszenierung und Dramaturgie zum Leben erweckt wird. Ein Übersetzungsvorgang durch viele Beteiligte. In der Arbeit der Covergestaltung finden sich ähnliche Arbeitsvorgänge wieder, wie in der Inszenierung eines vorgegebenen Inhalts. Die Arbeit wird jedoch nicht mehr durch viele geleistet, sondern durch ein oder zwei Personen, die über die Inszenierung des Inhalts durch Dramaturgie und Bühnenbild auch Regie führen. Es finden sich deutliche Parallelen zwischen der Arbeit von Bühnenbildner und Dramaturg. Rolf Italiaander in Würdigung von Karl Gröning sen.: „Wenn man Dramatiker ist, einen Dramenstoff findet und ihn schließlich ausarbeitet, hat man auch sogleich eine Vorstellung vom Bühnenbild. Viele Dramatiker zeichnen sich selber ein Bühnenbild, das sie neben ihrem Manuskript liegen haben [...]. Wenn ich selber dramatisch gearbeitet habe, war ich im Geiste immer mehr mit dem Bühnenbildner als mit dem Regisseur verbunden.“ Das Bühnenbild orientiert sich am Stück, die Wahl der stilbildenden Mittel ist ein eigener künstlerischer Akt. Karl Gröning sen., der Ausbilder von Karl jr. als auch Gisela Pferdmenges war, wusste dieses Nebeneinander der dienenden und eigenmächtigen Funktion des Bühnenbildes zu transportieren.

 


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