1000 augen, ein gesicht. Die Umschläge der rororo-Taschenbücher von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr.. Katalog bestellen

Die 50er Jahre: Formen und Farben

Marieke Ender

„Jetzt kommt das Wirtschaftswunder – jetzt kommt das Wirtschaftswunder“ singt Wolfgang Neuss im Film ‚Wir Wunderkinder‘ von 1958. Als das erste rororo-Taschenbuch im Juni 1950 erscheint, ist es noch ein weiter Weg, bis wirtschaftlicher Wohlstand in den westdeutschen Haushalten einkehrt und das Warenangebot die Konsumwünsche befriedigen kann.

Ernst Rowohlt setzt sich für die rororo-Taschenbücher hohe Ziele. Er will mit dieser Reihe ein Massenpublikum erreichen und zugleich Bücher mit Niveau herausbringen. Bereits 1948 erklärt er im Spiegel, Bücher verlegen zu wollen, „denen bei selbstverständlichem Niveau eines gemeinsam sein muß: daß ihre Veröffentlichung wichtig ist, daß sie in den Strom der Zeit möglichst so heftig hineinfallen, daß sich Wellenbögen bilden bis ans rechte und bis ans linke Ufer!“

Ein solches Programm ließ sich mit deutschen Autoren nicht realisieren, denn es gab, wie Heinrich Maria Ledig-Rowohlt feststellte, keine deutsche Nachkriegsliteratur von Rang: „Aber es gab ja am Anfang nichts. Die Leute haben immer gemeint, in der Nazi-Zeit hätten die Autoren für die Schublade geschrieben – nichts lag in den Schubladen. Und die Nachkriegsliteratur entwickelte sich sehr langsam und zäh. Und so berauschend habe ich sie damals nicht gefunden.“

Abb.1 Bd 117

Da es also nicht möglich war, junge deutsche Literatur zu verlegen, lag es nahe, auf den breiten Fundus der Weltliteratur und auf die schon in der Vergangenheit erfolgreichen Titel, die Backlist, zurückzugreifen. Nicht scharfes Profil, sondern eine breite Melange war das unternehmerische Gebot der Stunde. Daher findet sich in der rororo-Reihe alles – vom aktuellen Nobelpreisträger bis zum seichten Unterhaltungsroman.

Gerade wegen der Mannigfaltigkeit der verlegten Literatur werden die rororo-Taschenbücher gestalterisch homogen präsentiert. Homogenität und Reihenidentität heißt aber nicht Einförmigkeit und Schematismus. Dem Gestalterehepaar Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. gelingt es, jedem einzelnen Titel gerecht zu werden und zugleich den Reihencharakter beizubehalten – 1000 Augen, ein Gesicht. Für dieses doppelte Ziel entwickeln Gisela und Karl eine Vielzahl von gestalterischen Strategien. Am auffälligsten ist diejenige, Einbände in den Stil der Zeit einzupassen und in den Formen und Farben der 1950er Jahre auftreten zu lassen. Ob humoristischer Titel aus der Weimarer Republik, z. B. Bd 225, oder politischer Zeitroman, z. B. Bd 55, die beiden Illustratoren verleihen den Einbänden ein zeitgemäßes Erscheinungsbild, selbst wenn die Erzählungen nicht von heute sind.

Dies gilt besonders für die zahlreichen Unterhaltungsromane der Reihe, wie die ‚Benzinstation’ (Bd 117) von Sinclair Lewis. Der Nobelpreisträger und Gesellschaftskritiker verfasste mit diesem Unterhaltungsroman eine heitere unbeschwerte Liebesgeschichte. Zum ersten Mal ist er bereits 1919 erschienen. In den Strom der Zeit fällt der Roman also nicht. Die Titelgestaltung schwimmt dennoch mit der Zeit. Der weit schwingende Petticoat-Rock der Protagonistin Claire Boltwood und der moderne Wagen in farbenfrohem Gelb verleihen dem Bild einen modernen Anstrich, der durch die dynamische, filmische Perspektive unterstrichen wird. Dass die Rückseite eine andere Zeit signalisiert, betont dies noch: Der Fahrer der veralteten Karosse verabschiedet sich.

 

Einladungen zum Bücherlesen
Das Buchcover als Blickfang und Leserführung

Yvonne Dänekamp

Wenn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sich vor dem Schreiben einführender Werbetexte über den Inhalt des zu erscheinenden Taschenbuchs informieren wollte, pflegte er – so eine bekannte Anekdote –, Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. anzurufen: Die beiden Künstler lasen die Bücher, bevor sie deren Einbände gestalteten, „um das Wirksamste sichtbar werden zu lassen.“ Und das Wirksamste war es, „den Inhalt [zu] treffen, kein[en] Betrug“ (Gröning jr.) am Käufer und Leser zu begehen. Eine solche Maxime war besonders bei der Gestaltung eines Serienproduktes wichtig, wie es die Bücher der rororo-Taschenbuchreihe waren. Galt es doch, den Käufer eines Bandes als Dauerkunden zu gewinnen. Von der eigenen Leseerfahrung auszugehen, ermöglichte es Gisela und Karl zudem, das in den Büchern Erzählte direkt zu vermitteln. Sie übersetzen das Gelesene geradezu: markieren Ort oder Zeit der Handlung, verweisen symbolisch auf Stoff oder Thema; zumeist aber verlebendigen sie die Geschichten durch eine Darstellung, die an Szenen aus Theaterstücken oder Filmen erinnert. Es sind vielschichtige Szenen, in denen Handlung, Ort und Atmosphäre vereint sind. Szenen, die nur die Protagonisten zeigen, als verliebtes Paar oder autonome Einzelgänger; oder Szenen, in denen der Blick und der Blickkontakt die entscheidende Rolle spielen.

Bd 31

Die bunten, fast poppig gestalteten Einbände, die eine Neuerung auf dem Buchmarkt der Nachkriegszeit sind, funktionieren so nicht nur perfekt als Werbung für die einzelnen Bände wie für die ganze Reihe, sondern auch als Einführung in die Lektüre und haben daher sicherlich am großen Erfolg von Rowohlts Taschenbüchern entscheidenden Anteil.

Die szenische Ausgestaltung der Titelillustrationen erklärt sich nicht zuletzt biografisch aus der langjährigen Tätigkeit der beiden Künstler am Theater als Kostüm- und Bühnenbildner. Gisela zeichnet die Figuren und Karl übernimmt die weitere Ausgestaltung sowie die Typografie. So hat jeder seine eigenen Aufgabenbereiche und Vorlieben, die aber nicht völlig voneinander getrennt sind. In kreativer Zusammenarbeit am gemeinsamen Schreibtisch produzieren sie mitteilende Bilder und Grafiken, die als Blickfang und Leserführung dienen.

Bei den szenischen Bucheinbänden spielt die ‚geschlossene Form’ – eine Vorgabe des Verlags – eine wichtige Rolle. Hierbei wird nicht nur die werbewirksame, dem Betrachter zugewandte Vorderseite ausgestaltet, sondern auch die Rückseite. Dies lässt zwar den Klappentext ins Buchinnere wandern, bietet Gisela und Karl aber auch mehr Platz für ihre Grafiken. Daher ergeben die meisten rororo-Einbände aufgeklappt ein durchlaufendes Bild, bei dem die dargestellten Figuren und Handlungen in den sie umgebenden Raum integriert sind. Diese Einheit von Figur, Ort und Handlung ist es, die das Bild zur Szene werden lässt.

 

Ferne, Exotik, Lokalkolorit

Henni Kristin Wiedemann

“Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt, zieh’n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus, und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus”. Süden, Sonne und der Reiz des einfachen Lebens - Rudi Schuricke besingt mit den ‘Capri Fischern’ die Sehnsucht einer ganzen Nation. Der weltweit in den 1950er Jahren erfolgreiche Schlager, der schon 1943 von Ralph Maria Siegel geschrieben worden war, wird zum Titelsong der Reiselust in der Nachkriegszeit. Annoncieren vor dem Krieg die Bilder vom fernen Süden einen Traum, der für die Massen von vornherein unerfüllbar bleiben musste, werden sie jetzt zum Ausdruck eines Nah-Traums. Der ferne Süden und das einfache Leben sind auf einmal für viele realisierbar – als Ferienidyll. Ein neues Gefühl des kollektiven Fernwehs ist geboren. Während der Wirtschaftswunder-Ära reicht es den Bundesbürgern nicht mehr, Exotik nur auf dem Teller serviert zu bekommen. Ende der 1950er Jahre sind Millionen Deutsche gepackt vom Reisefieber und erobern Südeuropa. Steigende Löhne, bezahlte Urlaubstage, Reiseerleichterungen und eine florierende Wirtschaft machen es möglich. Jedoch: Viele sind nicht alle. Für die meisten bleibt der Urlaub im Süden in den 1950ern trotz steigendem Wohlstand unerfüllbar. Daher wird die Sehnsucht nach der Fremde medial gestillt. Der Traum von der Ferne und der Reiz des Exotischen werden kommerzialisiert und in verschiedensten Formen in der Werbe- und Medienbranche aufgegriffen: Plakate, Schlager, Filme. Auch der Rowohlt Verlag hat die Chance dieses medialen Aufbruchs gesehen und bietet seinen Lesern fremde Kulturen und Exotik in Buchform Bd 13 an. Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. setzen dieses Lektüreangebot bildkünstlerisch um. Ihre Titelcover locken mit unbekannten Mustern und zahlreichen ethnografischen Details: Afrikanische Ureinwohner, die heiße Glut Spaniens, französische Sommerabende, sehnsuchtsvolle Meerblicke und fremde Landschaften zieren Titelbilder der Reihe. Der Wunschtraum der exotischen Ferne wird aufgegriffen, die Anziehungskraft des Fremdländischen gekonnt als Stilmittel eingesetzt. Den Künstlern gelingt das vor allem, indem sie bekannte assoziationsreiche Elemente aufgreifen. Sie appellieren an das kulturelle Gedächtnis der Betrachter. So heben typisierende Farbgebungen die Atmosphäre des erzählten Raumes hervor und versetzen uns in den fernen Handlungsort. Typisierte Landschaftsaufnahmen sprechen gezielt herrschende Klischees an und machen dadurch die Botschaft eingängig: Sie erhalten die Illusionen vom Fernen und Fremden aufrecht, spinnen sie weiter und laden den Betrachter ein, durch eigene Assoziationen das Bild zu komplettieren.

So strahlt das flirrende, warme Licht Südfrankreichs zu dem Roman ‘Boche in Frankreich’ (Bd 13) auf das Paar, das sorglos miteinander tanzt. Die zarten Linien und ein rostroter Orange-Ton bringen uns das Straßencafé des kleinen baskischen Dorfes nahe, vermitteln Leichtigkeit, Sorglosigkeit und einen Raum für das einfache Leben.

Intensives Blau und die Nationalfarben Rot und Gelb hingegen typisieren Spanien auf einem anderen Cover (Bd 127). Die Glut der spanischen Sonne auf den Hügeln und das azurblaue Meer sind vielen Betrachtern von Werbeplakaten bekannt, der Vater, der mit seinem Sohn angelt, erinnert gar an ein Urlaubsfoto. Zwar ist die pittoreske Landschaft nicht das italienische Capri, doch die Szenerie weckt ähnliche Assoziationen wie Rudi Schurickes Schlagerzeilen.

 

Umschlagerlebnisse

Sven-Michael Salzer

Die in den rororo-Taschenbücher erzählten Geschichten beginnen nicht mit dem Titel des Buches und auch nicht mit dem ersten Kapitel; den Anfang der Geschichten bildet vielmehr der Einband. Nicht das Wort, sondern das Bild ist es, was den Leser zunächst in seinen Bann schlägt. Die ausdrucksstarken Illustrationen laden den Leser nicht nur ein, das Buch genauer zu betrachten; sie ebnen die Schwelle zwischen dem bloßen Betrachten des Umschlags und der Lektüre der Erzählung ein. Die von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. entworfenen Titelbilder erzählen selbst eine Geschichte und ziehen dadurch den Leser geradezu magnetisch in das Buch hinein. Auf den ersten Blick lässt sich, zum Teil schon sehr genau, erahnen, worum es in dem Buch geht, denn die beiden Künstler lassen bei der Ausarbeitung der Illustrationen größte Sorgfalt walten.

Bd 201

Oftmals spiegeln die Geschichten auf den Covern die Handlung des Buches wider. Manchmal verarbeitet das Künstlerehepaar einzelne Szenen der Romane. Dabei arbeiten die Beiden mitunter mit einem Überraschungseffekt. Wenn etwa die Rückseite den Betrachter in eine andere Stadt führt als die Vorderseite (Bd 201). Dieser Überraschungseffekt verstärkt sich, wenn dem Betrachter beim ersten Blick auf die Vorderseite ein kleines Rätsel aufgegeben wird: Was mag die Illustration bedeuten? Eine Frau in einem Bett (Bd 268, Abb. S. 59)? Ein mit Strahlen durchzogenes männliches Gesicht (Bd 8, Abb. S. 60)? Erst durch das Aufklappen des Buches und durch das Hinzuziehen der Rückseite ergibt sich die Vorderseite zu einem Ganzem, einem neuen Bild und damit einem vollkommen neuen Sinnzusammenhang.

Dem Leser mag ein „Aha!“ entlockt werden, wenn er beispielsweise ‚Der Defraudant’ von James M. Cain (Bd 30) betrachtet: Suggeriert die Vorderseite des Covers im ersten Hinsehen durch die sinnlich roten Lippen und den intensiven Blick der Protagonistin, dass die Liebe zu einer Frau im Zentrum der Handlung steht, fällt dem Betrachter im nächsten Augenblick der dunkle Mann an der rechten Seite auf. Die in Schwarz- und Grautönen gezeichnete Figur gibt der männlichen Gestalt etwas Zwielichtiges und lässt erahnen, dass es um weit mehr als nur um Liebe zwischen den beiden Charakteren geht. Letztlich aber wird erst durch das Aufklappen des Umschlags klar, worum sich die Geschichte dreht, präsentieren sich doch auf der Rückseite Geldscheine und Münzen vor einem Bankschalter: Im Mittelpunkt des „Defraudant“ (zu deutsch: Steuer- oder Zollbetrüger) steht die Geschichte eines Bankbetrugs; und der Leser ahnt, dass die anfänglich vermutete Liebesgeschichte zur Nebensache verkommen wird.

 


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