Kuhstall und Kunstharzkleber
Der Pro(roro)duktion auf der Spur
Antonia Kalitschke
Die rororo-Romane, nun gebet mal acht,
sie werden jetzt restlos bei uns schon gemacht.
Zum Lumbecken hat man, ich bin orientiert,
’nen riesigen Harem hier organisiert.
Als Erster schwingt dort einen Pinsel mit Kleister
Der Haremsbehüter und „Lum-Bäckermeister“.
(gesungen am 8.10.1950 auf einem Betriebsausflug der Firma Clausen & Bosse)
Wenn man heute den ersten Band der rororo-Taschenbücher ‚Kleiner Mann, was nun’ (von Hans Fallada; Abb. 1) in die Hand nimmt, blickt man auf fünfzig Jahre Buchgeschichte, denn mit dem vierfarbigen, kartonierten Umschlag und dem Lumbeckverfahren hat der Rowohlt Verlag ein innovatives Konzept realisiert, das wenig später von vielen Verlagen aufgegriffen wird.
Dabei ist das Lumbeckverfahren in der Anfangszeit umstritten, bezweifelt man doch die Haltbarkeit. Diesen Bedenken tritt Ernst Rowohlt in einem Spiegel-Interview 1950 entgegen: „Die Bücher sind so beständig, dass sie Temperaturen von 40 Grad Hitze und sechs Grad Kälte vertragen können, ohne Schaden zu nehmen“. Mit diesem Bindeverfahren kann Rowohlt nicht nur die Bücher so schnell produzieren, dass ein Band nur 14 Tage Produktionszeit benötigt – bahnbrechend zu der Zeit – sondern auch so preiswert herstellen, dass sie in den frühen 1950er Jahren erschwinglich bleiben. Ein so gefertigtes Taschenbuch kostet 1,50 DM. Dies entspricht 15 Zigaretten oder zwei Broten.
Die gelumbeckten Taschenbücher sind jedoch nicht nur preiswert und schnell im Laden, sondern auch handlich. Sie lassen sich überallhin mitnehmen, passen in jede Manteltasche. Für dieses innovative Produkt sind zwei Herren im Ruhestandsalter verantwortlich, die damit ihrer Unternehmerkarriere noch einmal Schwung geben: Ernst Rowohlt und Ove Clausen.
Hildegard Arts, Tochter von Ove Clausen, wendet sich 1950 an den Herstellungsleiter des Rowohlt Verlags Edgar Friederichsen, um auf ihren Druckereibetrieb im entfernten Leck aufmerksam zu machen. Die Belegschaft besteht aus Kriegsheimkehrern, Flüchtlingen, alten Buchdruckern und einem Schätzchen aus dem Jahre 1908, einer ‚Vomag Rotation-Druckmaschine, Berliner Format, 8 Seiten’ (Abb. 2).
So schlägt Friederichsen Ernst Rowohlt einen Besuch der ‚Graphischen Betriebe’ vor. Rowohlt, der schon lange nach einer geeigneten Maschine für den Druck seiner Taschenbücher sucht, ist einverstanden. Ohne Voranmeldung treffen sie im Frühjahr 1950 in Leck ein und werden im lokalen Gasthof bewirtet. Die Belegschaft findet kaum Zeit, die Maschinen abzustauben. Clausen, schon lange auf der Suche nach neuen Auftraggebern, begrüßt sie herzlich und die Stimmung wird noch besser, als klar wird, dass die alte Vomag das richtige Format und die richtige Laufrichtung für die Verarbeitung des Papiers besitzt, die Rowohlt für das Taschenbuch benötigt. Clausen und Rowohlt werden sich schnell einig. Aus den RO-RO-ROtationsromanen im großen Zeitungsformat wird rororo, das handliche Taschenbuch.