1000 augen, ein gesicht. Die Umschläge der rororo-Taschenbücher von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr.. Katalog bestellen

„Ein Tummelplatz der freien Geister.“
Zum Rowohlt Taschenbuch Verlag in den 1950er Jahren

Franziska Dellinger


„Die Bibliotheken sind zerstört, die Bücher vernichtet oder einst auf Scheiterhaufen verbrannt“, so charakterisiert der Verleger Ernst Rowohlt 1946 den Buchmarkt der Nachkriegszeit in einem offenen Brief an die Leser der ersten RO-RO-RO-Zeitungsromane. Nur mühsam und allmählich kommt die Buchproduktion wieder in Schwung. Nach dem fast vollständigen Stillstand der Jahre 1945 und 1946 mit insgesamt noch nicht einmal 400 neuen belletristischen Büchern erreicht sie bis zur Währungsreform nur ein Drittel des Vorkriegsstandes; zudem bei sehr viel kleineren Auflagenziffern. Die wenigen neuen Bücher werden ‚unter der Theke gehandelt’ und erreichen nicht die Mehrheit der Bevölkerung, die „zwölf Jahre [in] völliger geistiger Dürre“ gelebt hatte; denn: „Schon 1938 konnte kein englischer oder amerikanischer Autor mehr herausgebracht werden, und mit dem Kriegsausbruch verschwand alles Ausländische aus den Bibliotheken, von der deutschen Literatur vor 1933 überhaupt nicht zu reden.“ Rowohlt belässt es aber nicht beim bloßen Feststellen der Notlage; er will „dieses geistige Vakuum in der Generation, die doch jetzt den Karren aus dem Dreck ziehen soll“, ausfüllen; mit Büchern ausfüllen, mit Büchern der Autoren, die in den Wirren des Dritten Reiches in Deutschland nicht verbreitet werden konnten.

Es müssen also Bücher her. Das ist allerdings kein leichtes Unterfangen. Als ein Bestandteil des Programms der Re-Education, der Umerziehungspolitik durch die alliierten Besatzungsmächte, werden Verlage und Buchhandlungen einer Lizenzierungs- und Registrierungsvergabe unterzogen und die Papierwirtschaft kontrolliert. Den potenziellen Käufern von Büchern mangelt es an Kaufkraft, den Produzenten an Material und Herstellungskapazitäten – das Papier, gutes wie schlechtes, ist kontingiert; viele der Druckereien und Bindereien, vor allem in den Westzonen, sind zerstört; jedweder benötigte Rohstoff, ob Faden, Leim, selbst Verpackungsmaterial ist knapp. Trotz der wirtschaftlichen Einschränkungen versuchen die Verlage wie gewohnt Bücher herzustellen. „[O]hne die neuen Gegebenheiten zu berücksichtigen, wurde der Versuch gemacht, in alter Form das ‚Bibliotheksbuch’ weiter herzustellen [...] Bücher, die eine Dauerhaftigkeit nur noch vortäuschten: In Pappe gebunden, die brach, mit Draht geheftet, der rostete, auf Papier gedruckt, das schnell vergilbte“ (Erfahrungsbericht über RO-RO-RO). Zwar lässt sich in der Reichsmarkzeit nahezu alles verkaufen, weil es an Waren fehlt, trotzdem sind die so hergestellten Bücher nicht wirklich attraktiv, da mit den zur Verfügung stehenden Materialien keine Bücher in traditioneller Qualität herzustellen sind.

Es müssen vielmehr an die Gegebenheiten angepasste, vor allem preiswerte Bücher her. Die Produktion des repräsentativen Buchs für den Bücherschrank, vielleicht sogar ledergebunden und mit Goldschnitt passt nicht in die Zeit. Das erkennen am frühesten Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und sein Vater Ernst Rowohlt. Sie haben die Idee vom preiswerten Buch, das trotzdem anspruchsvolle Literatur namhafter Autoren enthält, als sie nach dem Krieg Verlagslizenzen in allen vier Besatzungszonen erhalten – ein entscheidender Vorteil für die Umsetzung eines neuen Verlagsprogramms. Die Zweigstellen haben nicht nur Anteil an den Papierkontingenten aller vier Zonen, sondern sichern auch die Produktion und den Vertrieb im gesamten Besatzungsgebiet.

 

Kuhstall und Kunstharzkleber
Der Pro(roro)duktion auf der Spur

Antonia Kalitschke


Die rororo-Romane, nun gebet mal acht,
sie werden jetzt restlos bei uns schon gemacht.

Zum Lumbecken hat man, ich bin orientiert,
’nen riesigen Harem hier organisiert.

Als Erster schwingt dort einen Pinsel mit Kleister
Der Haremsbehüter und „Lum-Bäckermeister“.

(gesungen am 8.10.1950 auf einem Betriebsausflug der Firma Clausen & Bosse)

Wenn man heute den ersten Band der rororo-Taschenbücher ‚Kleiner Mann, was nun’ (von Hans Fallada; Abb. 1) in die Hand nimmt, blickt man auf fünfzig Jahre Buchgeschichte, denn mit dem vierfarbigen, kartonierten Umschlag und dem Lumbeckverfahren hat der Rowohlt Verlag ein innovatives Konzept realisiert, das wenig später von vielen Verlagen aufgegriffen wird.

Abb. 1 Hans Fallada - Kleiner Mann was nun?

Dabei ist das Lumbeckverfahren in der Anfangszeit umstritten, bezweifelt man doch die Haltbarkeit. Diesen Bedenken tritt Ernst Rowohlt in einem Spiegel-Interview 1950 entgegen: „Die Bücher sind so beständig, dass sie Temperaturen von 40 Grad Hitze und sechs Grad Kälte vertragen können, ohne Schaden zu nehmen“. Mit diesem Bindeverfahren kann Rowohlt nicht nur die Bücher so schnell produzieren, dass ein Band nur 14 Tage Produktionszeit benötigt – bahnbrechend zu der Zeit – sondern auch so preiswert herstellen, dass sie in den frühen 1950er Jahren erschwinglich bleiben. Ein so gefertigtes Taschenbuch kostet 1,50 DM. Dies entspricht 15 Zigaretten oder zwei Broten.

Die gelumbeckten Taschenbücher sind jedoch nicht nur preiswert und schnell im Laden, sondern auch handlich. Sie lassen sich überallhin mitnehmen, passen in jede Manteltasche. Für dieses innovative Produkt sind zwei Herren im Ruhestandsalter verantwortlich, die damit ihrer Unternehmerkarriere noch einmal Schwung geben: Ernst Rowohlt und Ove Clausen.

Hildegard Arts, Tochter von Ove Clausen, wendet sich 1950 an den Herstellungsleiter des Rowohlt Verlags Edgar Friederichsen, um auf ihren Druckereibetrieb im entfernten Leck aufmerksam zu machen. Die Belegschaft besteht aus Kriegsheimkehrern, Flüchtlingen, alten Buchdruckern und einem Schätzchen aus dem Jahre 1908, einer ‚Vomag Rotation-Druckmaschine, Berliner Format, 8 Seiten’ (Abb. 2).

So schlägt Friederichsen Ernst Rowohlt einen Besuch der ‚Graphischen Betriebe’ vor. Rowohlt, der schon lange nach einer geeigneten Maschine für den Druck seiner Taschenbücher sucht, ist einverstanden. Ohne Voranmeldung treffen sie im Frühjahr 1950 in Leck ein und werden im lokalen Gasthof bewirtet. Die Belegschaft findet kaum Zeit, die Maschinen abzustauben. Clausen, schon lange auf der Suche nach neuen Auftraggebern, begrüßt sie herzlich und die Stimmung wird noch besser, als klar wird, dass die alte Vomag das richtige Format und die richtige Laufrichtung für die Verarbeitung des Papiers besitzt, die Rowohlt für das Taschenbuch benötigt. Clausen und Rowohlt werden sich schnell einig. Aus den RO-RO-ROtationsromanen im großen Zeitungsformat wird rororo, das handliche Taschenbuch.

 


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