Meine Eltern
Manuel Gröning
In den ersten Jahren meiner Kindheit bekam ich meine Eltern nicht oft zu sehen, dafür wuchs ich mit ihrem Geruch auf. In der ganzen Wohnung und auch im ganzen Hause roch es nach einem eigenartigen Gemisch aus Tempera-Farben, Fixativ, Terpentinöl und einem sehr gutem Parfum. Abends wagte ich es, manchmal durchs Schlüsselloch zu spähen. – Es hatte keinen Sinn, anzuklopfen, wenn man den Rücken der Mutter sah, dann wurde noch gearbeitet. Es war Wirtschaftswunderzeit und es wurde viel gearbeitet, so auch bei uns. Irgendwie war es auch beruhigend, wenn gearbeitet wurde – versprach das doch Aussicht auf Wohlstand, wenn auch bescheidenen. Und so kam es, dass meine Eltern von Jahr zu Jahr immer etwas eleganter rochen. Irgendwann abends, manchmal sehr spät, bekam ich meine Eltern doch noch zu Gesicht. Dem Geruch von Temperafixativ mischte sich dann der von Latschenkiefernöl und Olbas bei, einem Allheilmittel für allerlei Verspannungen, innerer und äußerer Art. Da wusste ich – es wurde gebadet – und die Spannungen des Tages würden bald vergessen sein.
So gegenwärtig mir die Abende meiner frühen Kinderzeit noch sind, so wenig weiß ich noch vom frühen Morgen. Eines aber erinnere ich ganz genau: die zahlreichen Kindermädchen, die ich regelrecht verschlissen habe. Ein schwererer Fehler im Umgang mit mir hatte die fristlose Kündigung zur Folge; dass gab mir Rückendeckung, und das Gefühl wichtig zu sein, was ich dann auch gnadenlos ausnutzte.
Als ich drei Jahre alt wurde, wollte man mich – so empfand ich den Umzug – in die gerade fertig gestellte Deichmühle zu Haseldorf locken. Diese Art von Gebäuden war mir völlig unbekannt, und es kostete meine GroßelternUhr einige Tafeln Schokolade, mich da rein zu bringen. Bald erwies sich Haseldorf jedoch als ein Geheimtipp. Ich hatte dort eine Menge Spaß, meistens jedoch auf Kosten anderer, die ich aus sicherer Deckung heraus mit Grabenmatsch beschmiss. Wenn es heißt: „Kinder sind ein Segen“ – so traf das nicht auf mich zu.
Die Mühle entwickelte sich zu einem Treffpunkt der Hamburger Gesellschaft. Zumindest derjenigen, die etwas Kulturschaffendes an sich hatte. Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling, Elisabeth Flickenschildt, Inge Meysel, Axel Springer, Ernst Rowohlt – um nur ein paar Stammgäste zu nennen, waren fast monatlich zu Gast. Dieser illustren, dem Alkohol nicht ganz abgeneigten, Gesellschaft verdanke ich auch die erste Ohrfeige seitens meiner Mutter. Die Luxuswagen der Gäste parkten wie immer unter einigen Boskop-Apfelbäumen, auf denen ich herumzuturnen pflegte. Nun aber waren diese steinharten Dinger, die sowieso zu nichts taugten, grade reif und hingen sozusagen nur noch am seidenen Faden an den Zweigen; so genügte ein etwas kräftigerer Hüpf auf den Ästen, um ein regelrechtes Trommelfeuer zu eröffnen. Die Dächer der Nobelkarossen sahen darauf hin zwar nicht wie nach einem Hagelschaden aus, aber eben wie nach einem Boskopschaden. Ich weiß nicht, ob ich haftpflichtversichert war, ich denke schon. Die Leute haben gelacht und meinten: „Es war ja nur Blech!“ Aber meine Mutter sah das ganz anders... . Auf alle Fälle genossen diese eigenartigen Fremden von nun an meine volle Sympathie.