1000 augen, ein gesicht. Die Umschläge der rororo-Taschenbücher von Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr.. Katalog bestellen

Meine Eltern

Manuel Gröning

In den ersten Jahren meiner Kindheit bekam ich meine Eltern nicht oft zu sehen, dafür wuchs ich mit ihrem Geruch auf. In der ganzen Wohnung und auch im ganzen Hause roch es nach einem eigenartigen Gemisch aus Tempera-Farben, Fixativ, Terpentinöl und einem sehr gutem Parfum. Abends wagte ich es, manchmal durchs Schlüsselloch zu spähen. – Es hatte keinen Sinn, anzuklopfen, wenn man den Rücken der Mutter sah, dann wurde noch gearbeitet. Es war Wirtschaftswunderzeit und es wurde viel gearbeitet, so auch bei uns. Irgendwie war es auch beruhigend, wenn gearbeitet wurde – versprach das doch Aussicht auf Wohlstand, wenn auch bescheidenen. Und so kam es, dass meine Eltern von Jahr zu Jahr immer etwas eleganter rochen. Irgendwann abends, manchmal sehr spät, bekam ich meine Eltern doch noch zu Gesicht. Dem Geruch von Temperafixativ mischte sich dann der von Latschenkiefernöl und Olbas bei, einem Allheilmittel für allerlei Verspannungen, innerer und äußerer Art. Da wusste ich – es wurde gebadet – und die Spannungen des Tages würden bald vergessen sein.

So gegenwärtig mir die Abende meiner frühen Kinderzeit noch sind, so wenig weiß ich noch vom frühen Morgen. Eines aber erinnere ich ganz genau: die zahlreichen Kindermädchen, die ich regelrecht verschlissen habe. Ein schwererer Fehler im Umgang mit mir hatte die fristlose Kündigung zur Folge; dass gab mir Rückendeckung, und das Gefühl wichtig zu sein, was ich dann auch gnadenlos ausnutzte.

Als ich drei Jahre alt wurde, wollte man mich – so empfand ich den Umzug – in die gerade fertig gestellte Deichmühle zu Haseldorf locken. Diese Art von Gebäuden war mir völlig unbekannt, und es kostete meine GroßelternUhr einige Tafeln Schokolade, mich da rein zu bringen. Bald erwies sich Haseldorf jedoch als ein Geheimtipp. Ich hatte dort eine Menge Spaß, meistens jedoch auf Kosten anderer, die ich aus sicherer Deckung heraus mit Grabenmatsch beschmiss. Wenn es heißt: „Kinder sind ein Segen“ – so traf das nicht auf mich zu.

Die Mühle entwickelte sich zu einem Treffpunkt der Hamburger Gesellschaft. Zumindest derjenigen, die etwas Kulturschaffendes an sich hatte. Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling, Elisabeth Flickenschildt, Inge Meysel, Axel Springer, Ernst Rowohlt – um nur ein paar Stammgäste zu nennen, waren fast monatlich zu Gast. Dieser illustren, dem Alkohol nicht ganz abgeneigten, Gesellschaft verdanke ich auch die erste Ohrfeige seitens meiner Mutter. Die Luxuswagen der Gäste parkten wie immer unter einigen Boskop-Apfelbäumen, auf denen ich herumzuturnen pflegte. Nun aber waren diese steinharten Dinger, die sowieso zu nichts taugten, grade reif und hingen sozusagen nur noch am seidenen Faden an den Zweigen; so genügte ein etwas kräftigerer Hüpf auf den Ästen, um ein regelrechtes Trommelfeuer zu eröffnen. Die Dächer der Nobelkarossen sahen darauf hin zwar nicht wie nach einem Hagelschaden aus, aber eben wie nach einem Boskopschaden. Ich weiß nicht, ob ich haftpflichtversichert war, ich denke schon. Die Leute haben gelacht und meinten: „Es war ja nur Blech!“ Aber meine Mutter sah das ganz anders... . Auf alle Fälle genossen diese eigenartigen Fremden von nun an meine volle Sympathie.

 

Gisela Pferdmenges
und Karl Gröning jr.

Künstlerbiografie


Gisela Pferdmenges und Karl Gröning jr. lernen sich am Deutschen Schau- spielhaus in Hamburg kennen. Dort hat Gisela (19.3.1918 – 4.4.1999) – nach einem dreijährigen Studium an der Meisterschule für Mode – 1938 eine Anstellung als Kostümbildnerin bekommen, während Karl Gröning jr. (4.4.1921 – 3.11.2003) zur selben Zeit unter der Leitung seines Vaters, dem Bühnenbildner Karl Gröning, eine Ausbildung absolviert.

1940 erhält er sein erstes Engagement in Plauen, wird von 1941 bis 1945 aber zum Russlandfeldzug eingezogen. Gisela Pferdmenges arbeitet während des Krieges als Kostümbildnerin in Königsberg. Am 24. Juni 1944 heiratet das Paar.

Abb. 1 Der Auftakt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit

Nach Karls Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft bleibt das Ehepaar in Hamburg. Dort sind sie bis 1951 an 60 Theaterproduktionen beteiligt, erweitern ihr Berufsfeld aber bereits: Gemeinsam erstellen sie Wandbilder für die schwedische Kirche und für repräsentative Räume großer Hamburger Firmen. Karl etabliert sich in den Folgejahren als Grafiker für Industrie und Presse. Er arbeitet 1950 für ‚British American Tabacco’ (BAT) und entwirft Werbung für die Zigarette ‚North State’. 1953 erscheint seine erste farbige Titelseite für das Hamburger Abendblatt; seit 1954 ist er dort künstlerischer Berater und Redakteur, ab Oktober 1961 bis 1974 übernimmt er die Bildredaktion sowie die Verantwortung für die Gesamtgestaltung der Zeitung.

Bekannt werden Gisela und Karl durch ihre Entwürfe für den Rowohlt Verlag. Am 9.12.1949 überträgt Rowohlt ihnen in einem an Karl gerichteten Schreiben exklusiv die Gestaltung der rororo-Taschenbücher (Abb. 1). Der zunächst auf ein Jahr befristete Auftrag wird in den 1950ern stillschweigend immer wieder verlängert, sodass die beiden für ein Jahrzehnt das Erscheinungsbild der Taschenbuch-Reihen von Rowohlt prägen. Neben den Bucheinbänden für die rororo-Reihe entwirft das Künstlerehepaar auch die Cover der Wissenschaftsreihe ‚Rowohlts Deutsche Enzyklopädie’. Sie arbeiten aber auch für andere Verlage wie Krüger, Piper und Hoffmann und Campe. Gisela und Karl waren stolz auf ihre Gebrauchsgrafik. Das beweisen die Zusammenstellungen der rororo-Buchcover, die das Paar als Wandschmuck in ihrer Wohnung präsentierte.

 


 


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